Wenn Dir jemand erzählt, Grüntee und Schwarztee kämen von zwei verschiedenen Pflanzen, dann lächle freundlich und schenk ihm eine Tasse ein.
Einmal Camellia sinensis, bitte!
Im ersten Teil unserer Serie ging es um die Kräutertees aus dem europäischen Klostergarten. Heute reisen wir nach Asien, zu einer Pflanze, die die Welt verändert hat: dem Teestrauch (Camellia sinensis).
Grüner Tee, weißer Tee, Oolong, schwarzer Tee: Sie alle stammen vom selben immergrünen Strauch, einem Verwandten der Kamelie. Den Unterschied macht allein, was nach der Ernte mit dem Blatt passiert. Es ist ein bisschen wie bei den Äpfeln: Ein frischer Apfel bleibt hell und knackig, ein angeschnittener wird braun. Beim Tee heißt dieser Vorgang Oxidation.
- Weißer Tee: Geerntet werden junge Knospen und zarte Blättchen, die einfach schonend welken und trocknen. Das ist die Minimalversion, mild, leicht und fast ein bisschen blumig.
- Grüner Tee: Das Blatt wird kurz nach der Ernte erhitzt, in China meist in der Pfanne, in Japan traditionell gedämpft. Dadurch stoppt die Oxidation, und das Blatt bleibt grün, frisch und grasig-herb.
- Oolong: Er ist teilweise oxidiert und liegt geschmacklich irgendwo zwischen Grün und Schwarz.
- Schwarzer Tee: Das Blatt wird gerollt und vollständig oxidiert. Es färbt sich dunkel und entwickelt kräftige, malzige Aromen.
Eine Legende, ein Zufall und ein Mönch
Die Geschichte beginnt, wie so oft, mit einer Legende: Um 2737 v. Chr. soll dem chinesischen Kaiser Shennong, dem „göttlichen Landmann“, ein Blatt in sein heißes Trinkwasser geweht sein. Er kostete und war begeistert. Ob wahr oder nicht: Tee wird in China seit Jahrtausenden getrunken, zunächst als Heilmittel, später als Genuss und Kulturgut. Im 8. Jahrhundert schrieb Lu Yu sogar ein ganzes Lehrbuch über den Tee, den „Cha Jing“.
Nach Japan brachten buddhistische Mönche den Tee samt Samen mit. Er half ihnen, bei langen Meditationen wach und klar zu bleiben. Dort entwickelte sich daraus die berühmte Teezeremonie und der pulverisierte Matcha.
Europa kam erst im 17. Jahrhundert auf den Geschmack, als niederländische Händler Tee mitbrachten. Er war zunächst teuer und exklusiv, ein Getränk für den Adel. Die Briten machten ihn zur Nationalleidenschaft, und mit dem Tee kamen auch Handelskriege, Machtspiele und Geschichten wie die Boston Tea Party. Im 19. Jahrhundert wurde Tee dann in Indien im großen Stil angebaut, und es entstanden Namen wie Assam und Darjeeling. Eine Pflanze, die so viel Weltgeschichte schreibt, verdient durchaus Respekt, auch wenn sie am Ende in einem Teebeutel landet.
Anbau: Handarbeit mit Aussicht
Der Teestrauch liebt es warm, feucht und hügelig. Typische Anbaugebiete sind China, Indien, Japan, Sri Lanka und Kenia, meist in höheren Lagen mit viel Nebel und Regen. Gepflückt wird oft noch von Hand, traditionell nach der Regel „zwei Blätter und eine Knospe“. Die jungen Triebspitzen enthalten besonders viele wertvolle Inhaltsstoffe.
Besonders spannend ist der Anbau von Matcha und Gyokuro: Die Sträucher werden mehrere Wochen vor der Ernte beschattet. Die Pflanze reagiert darauf mit mehr Chlorophyll und mehr Aminosäuren, das Blatt wird dunkelgrün und der Geschmack mild und „umami“. Auch bei Pflanzen führt ein bisschen Schatten manchmal zu mehr Tiefe.
Was steckt drin? Die gesundheitliche Seite
Als Pharmazeuten schauen wir natürlich auch auf die Inhaltsstoffe:
- Koffein (früher „Teein“ genannt): Es ist derselbe Stoff wie im Kaffee. Im Tee wirkt er oft sanfter und länger, weil er an Gerbstoffe gebunden ist. Wie lange der Tee gezogen hat, beeinflusst die Wirkung: Kurz gezogen eher anregend, länger gezogen eher beruhigend.
- L-Theanin: Diese Aminosäure ist eine Besonderheit des Tees. Sie wird mit entspannter Wachheit in Verbindung gebracht, ein Grund, warum Tee weniger „zittrig“ macht als Kaffee.
- Polyphenole (Catechine, z. B. Epigallocatechin): Sie sind besonders im Grüntee enthalten und gelten als antioxidativ wirksam. Sie gehören zu den am besten erforschten Pflanzenstoffen.
- Gerbstoffe: Sie können die Eisenaufnahme hemmen. Wer zu Eisenmangel neigt, trinkt Tee besser zwischen den Mahlzeiten.
Ein Tipp aus der Apothekenpraxis: Der Genuss von Tee als Getränk ist etwas ganz anderes als hochdosierte Grüntee-Extrakte in Kapselform. Bei Letzteren sind in seltenen Fällen Leberprobleme beschrieben worden, daher gilt hier: nicht auf eigene Faust hoch dosieren, sondern in der Apotheke beraten lassen. Auch in der Schwangerschaft, bei Schlafproblemen oder Herzrhythmusstörungen darf man den Koffeingehalt im Blick behalten.
Die richtige Zubereitung: Nicht jedes Wasser ist gleich
Hier passieren die meisten Teefehler. Kochendes Wasser verbrennt zarte Blätter und macht grünen Tee bitter.
- Grüner Tee: 70–80 °C, 2–3 Minuten
- Weißer Tee: 75–85 °C, 3–5 Minuten
- Schwarzer Tee: 95–100 °C, 3–5 Minuten
Gute Blätter kann man oft zwei- oder dreimal aufgießen, und jeder Aufguss schmeckt ein wenig anders.
Das ist die Belohnung für alle, die sich Zeit nehmen.
Home, sweet home: Zwei Männer und ihr grüner Tee
Bei uns zu Hause ist Grüntee fast eine kleine Familienreligion. Sascha und unser Sohn sind begeisterte Grüntee-Trinker, jeder mit seinen Lieblingen: mal ein klarer Sencha, mal ein milder Weißer Tee, mal ein schaumig aufgeschlagener Matcha. Manchmal ist der Wasserkocher in unsrer Küche oft in Betrieb und ich frage mich, ob die beiden heimlich einen Teeplantagen-Vertrag unterschrieben haben oder wieder mal bei Madame Wu in Linz einkaufen waren.
Und doch zeigt sich in unserer Familie etwas Schönes: Wenn wir gemeinsam Tee zubereiten, wird es still und konzentriert. Ein kleiner Ritual-Moment mitten im Alltag. Sascha als Mentaltrainer sagt dazu:
Tee ist das einfachste Achtsamkeitstraining der Welt – man muss auf den Teegenuss warten können
Ich bleibe als Kräuterfrau meinen Garten-Mischungen treu, aber ein Schluck Weißer Tee zwischendurch hat durchaus seinen Charme.
Deine Einladung
Probiere diese Woche einen Tee, den Du noch nie getrunken hast: einen weißen Tee zum Beispiel, oder einen Grüntee, den Du bewusst bei 75 °C aufgießt. Achte auf Farbe, Duft und Geschmack, und nimm Dir fünf Minuten nur für diese Tasse.
Welcher ist Dein Lieblingstee? Schwarz, grün oder doch lieber der Kräutertee aus Teil 1?
Ausblick auf Teil 3
Im nächsten Beitrag geht es weiter in die Welt des Tees, bleib gespannt!
Welche Tees könnten das im Advent wohl sein?
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Wir wünsche Dir einen goldenen Herbst
Gerda & Sascha vom Team Ja-zum-Leben




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